Schulterschluss wichtiger denn je

Ronny, du bist immer mit ganz viel Leidenschaft und Fachkompetenz bei den Fußball-Liveübertragungen von MDR 1 RADIO SACHSEN am Mikrofon, woher kommen Herz und Sachverstand für den Fußball? 
Fußballer oder Sportreporter, das waren schon von Kindesbeinen an Berufsträume, die ich gehegt hatte. Entsprechende Neigungen und Talente, so sagte man mir nach, seien früh da gewesen. Ich habe als Kind und Jugendlicher Fußball als Leistungssport betrieben. Und selbst wenn ich gerade mal nicht auf dem Platz stand, drehte sich trotzdem so ziemlich alles ums runde Leder. Für den Fußballer kam leider zu früh ein orthopädisch bedingtes Leistungssport-Aus, so musste es eben irgendwann der Reporter sein.

Was waren Deine ersten Berührungspunkte mit dem Auer Fußball?
Die gehen auf die guten alten Oberligazeiten zurück, also auf Wismut Aue, als ich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre anfing, alles aufzusaugen, was mit Fußball zu tun hatte. Wismut, so hieß es immer, sei besonders kampfstark und auf Schnee geradezu unbezwingbar. In meiner Erinnerung konnte Aue damals aber auch einen recht gepflegten Ball spielen, Könner wie Holger Erler, Harald Mothes oder Jürgen Escher haben mir beim Zuschauen viel Freude bereitet. Kleine Episode, meine Großeltern hießen Mothes (nicht verwandt mit Harald Mothes), und so habe ich, wenn sonnabends bei meinen Großeltern Sport aktuell oder Radiokonferenz lief und Harald Mothes hatte gerade mal wieder ein Tor erzielt, immer freudigspaßig gerufen „Omi, dein Sohn hat wieder getroffen!” Wirklich bemerkenswert fand ich Mitte der Achtziger, dass Aue als BSG im Vierzehnerfeld Oberligaklubs wie Magdeburg, Jena, Erfurt, Karl- Marx-Stadt oder den FC Vorwärts hinter sich ließ und sich gleich zweimal mit vierten Plätzen für den Europapokal qualifizierte. Mit Dnepr Dnepropetrowsk kamen damalige Weltklassespieler wie Gennadi Litowtschenko und Oleg Protassow nach Aue, als Fußballenthusiast fand ich das stark.

Wie und wann bist du beruflich mit dem FC Erzgebirge in Berührung gekommen?
Durch meine Reportertätigkeit bei MDR 1 RADIO SACHSEN und praktisch genau im Laufe der Regio nalligasaison, in der unter Gerd Schädlich letztlich das große Wunder Aufstieg 2. Liga gelang. An diese Zeit denke ich gern zurück. Aue in der 2. Liga – von allen Seiten zunächst nur müde belächelt und als erster Absteiger gehandelt – mischte plötzlich munter mit. Unvergessen sind legendäre Siege in Deutschlands großen Stadien, wie das 5:3 in Karlsruhe im ersten Zweitligajahr, später ein 5:1 in Aachen oder ein 1:0 beim 1. FC Köln… Gerd Schädlich und seine Mitstreiter haben nicht nur das „kleine” Aue in der 2. Liga etabliert, sie haben für mich Großes geleistet, so wie es später Rico Schmitt und seinen Weggefährten mit dem Wiederaufstieg und dem Herbstmeistertitel in der 2. Liga gelang. Ob alle lila-weißen Fußballherzen heute, im zehnten Zweitligajahr, weniger um den Klassenerhalt zittern bräuchten, wenn Aue mit Rico Schmitt auf Kontinuität auf dem Trainerstuhl gesetzt hätte, diese Frage lässt sich leider nur hypothetisch diskutieren.

Du berichtest ja seit Jahren bei MDR 1 RADIO SACHSEN nicht nur von Heim-, sondern regelmäßig auch von den Auswärtsspielen des FCE… 
… und ich darf sagen, bundesweit, wo man hinkommt, der Verein FC Erzgebirge Aue und seine Fans genießen einen hervorragenden Ruf, sind einfach gern gesehene Gäste. Diesen guten Ruf haben sich Verein und Anhänger erarbeitet und verdient. Und dass man in den großen Stadien des Landes nicht mehr angesprochen wird mit Fragen wie „Sagen Sie mal, Aue, wo liegt denn das, in Thüringen?”, das hat der FCE geschafft. Das Erzgebirge, die Region weit über die Grenzen unseres Freistaates Sachsen hinaus zu tragen. Aue ist für viele ein nicht mehr wegzudenkendes Fähnchen auf der deutschen Profi-Fußball-Landkarte. Darauf darf Lila-Weiß zurecht stolz sein! Umso wichtiger, dass die Klasse gehalten wird.

Wie schätzt Du denn die Chancen ein, dass der FC Erzgebirge den Klassenerhalt noch schafft und das besagte Fähnchen weiter gesetzt ist?
Das letzte Heimspiel (gegen Sandhausen *die Redaktion) war sicher eine ganz bittere Pille und ein herber Rückschlag für jeden Lila-Weißen. Aber Zurückschauen und Jammern hilft Aue jetzt eh nicht mehr. Die Chance auf den Klassenerhalt ist nach wie vor intakt. Dafür muss die Mannschaft in den verbleibenden sechs Spielen einfach zeigen, dass sie gewillt ist, mit allem, was sie hat, aus dem drohenden Abstiegsszenario auszubrechen; an sich glauben, verwegen und erbittert kämpfen. Und natürlich muss der Ball auch wieder öfter über die gegnerische Torlinie gedrückt werden. Machen wir uns nichts vor, ein erzieltes Tor in den letzten sieben Spielen, mit solch einem Schnitt wird’s schwierig. Wichtig ist für meine Begriffe auch, dass der in Aue oft beschworene Zusammenhalt, der Schulterschluss, jetzt mehr denn je gelebt wird! Und ein langer Atem könnte gefragt sein, wenn es sein muss eben bis in die Relegation. Sie ist eine große Chance, keine Strafe. Auch der Sieger der Relegation ist am Ende zweitklassig.

Welche Wünsche möchtest du dem FCE gern mit auf den Weg geben?
Oh, ganz viele! Am wichtigsten, natürlich, den für den Klassenerhalt! Ich wünsche Aue und der Region das erfolgreiche Umsetzen des Stadionprojekts. Ich wünsche dem Verein, dass er auch in Zukunft Macher hat, die an der Sache orientiert sind, denen es gelingt, mit Sinn für das real Machbare und Fachkompetenz weiter fleißig am Buch „Aue und das Wunder 2. Bundesliga” zu schreiben. Ich wünsche dem Verein, dass er mittel- und langfristig seine Ziele in der Nachwuchsarbeit erreichen kann; und – meckern muss auch mal erlaubt sein – dass der FCE die Probleme mit dem neuen beheizbaren Trainingsrasen, für den er letzten Sommer sein gut erwirtschaftetes Geld in die Hand genommen hat, jetzt bald mal in den Griff bekommt. Für Mannschaft und Trainerteam wäre es im Abstiegskampf sicher eine Unterstützung.

 Quelle: fc-erzgebirge.de