Aues Tomislav Stipic (35) entwickelt sich vom Nobody zum angesehenen Trainer – mit Offenheit, Sympathie, Fachwissen und Selbstkritik.

Ja, ja, lass ihn reden!” Das war der Tenor vieler Journalisten, als Tomislav Stipic zum Amtsantritt am 9. September ein flammendes Plädoyer über sich und seine Philosophie hielt: “Haben Sie Geduld, ich habe einen Plan, ich weiß, wie Erfolg geht.” Starke Worte eines Mannes, den keiner kannte. Acht Wochen danach mischt der 35-jährige Nobody die Liga auf. Ging seine erste Partie in Darmstadt noch 0:2 verloren, holte er in den restlichen sieben Partien 12 Punkte. Aue siegte zu Haue dreimal am Stück – darunter waren die Glanzauftritte gegen St. Pauli (3:0) und 1860 (4:1). Selbst dem souveränen Spitzenreiter Ingolstadt trotzte Erzgebirge ein 1:1 ab. Der größte Coup wäre Stipic fast im Pokal gelungen. Der Taktikfuchs entschlüsselte den RB-Code komplett, erkannte die Schwachstellen der Leipziger und nutzte diese gnadenlos aus. Bis in die 91. Minute führte Aue 1:0, ehe RB noch ausglich und in der Verlängerung gewann.

“Er lebt Fußball, verbreitet viel Wissen, viele Inhalte. Das Training ist vom Kopf her anstrengend, aber es macht tierisch Spaß, es ist immer etwas Neues dabei”, sagt Kapitän René Klingbeil, der unter Stipic seinen dritten Frühling erlebt. Der Kroate ist mittendrin statt nur dabei. Er verfolgt die Trainingsspiele als eine Art Schiedsrichter, unterbricht, wenn ihm etwas nicht passt, schlägt Lösungen vor, seine Spieler müssen den richtigen Weg aber für sich finden. “Das Beste ist, er kann brutal motivieren”, erklärt Klingbeil: “Vor dem Spiel in Darmstadt hat er uns derart gepusht, wir hätten auch in eine Arena voller Tiger und Löwen gehen können, wir hätten den Kampf aufgenommen.”

In dieselbe Kerbe schlägt Stürmer Frank Löning: “Die Ansprachen waren anfangs gewöhnungsbedürftig, auf positive Art, sie sind vor jeder Partie anders. Das kommt in unseren Köpfen an. Aber er hat es auch fachlich drauf.” Und so lobt Präsident Helge Leonhardt: “Nach dem ersten Gespräch mit Tommy wusste ich, er bringt uns den Erfolg zurück. Er hat sein Konzept derart überzeugend vorgetragen, dass wir gar nicht Nein zu ihm sagen konnten.”

Dabei sieht sich Stipic durchaus selbstkritisch, gesteht Fehler nach außen ein. Und der immer positiv gestimmte und freundliche Mann hat einen Plan für sein Leben. Wer mit sieben Geschwistern aufwächst, selbst vier Söhne hat, als Teenager von Jugoslawien aus in ein fremdes Land kommt und sich behauptet, der braucht Disziplin, eisernen Willen und Durchsetzungsvermögen. In Ingolstadt hat Stipic bei Audi jahrelang Nachtschichten geschoben, um sich tagsüber um den Nachwuchs des FCI zu kümmern und parallel noch die Trainerscheine zu machen. Neulich meinte ein beeindruckter Schreiberling: “Ich habe das Gefühl, der kann übers Wasser gehen…”

Quelle: kicker.de
Autor: Thomas Nahrendorf